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Essay

Im Nebel der Gegenwart

Ausstellungsansicht

Wie sich die Sammlung Brandhorst an das Jetzt annähert – und danach fahndet, was künftig wichtig sein wird.

„Es wird sehr deutlich, dass die Zeit der großen männlichen Gesten sich dem Ende zuneigt.“
– Achim Hochdörfer

 

In der Kunstgeschichte gibt es so etwas wie eine historische Weitsichtigkeit. Die großen Umbrüche und Tendenzen der Vergangenheit zu benennen, ist kein großes Problem. Je näher man jedoch der Gegenwart kommt, umso schwieriger ist es, Entwicklungen zu sehen. Genau das ist aber die Aufgabe der Sammlung Brandhorst, das, was Armin Zweite, der erste Direktor des Museums, „Historisierung der Gegenwart“ nannte. In der Sammlung, die vom Ehepaar Udo und Anette Brandhorst ab den späten 1960er-Jahren aufgebaut und ab 1993 als Stiftung weitergeführt wurde, finden sich viele der Strömungen wieder, die die Kunst der letzten Jahrzehnte maßgeblich bestimmten: Pop-Art und Minimal Art, Arte Povera und Neo-Avantgarde. „Dass danach, ab 2000, nur noch schwer Schulen benannt werden können, liegt auch an der Sache selbst“, sagt Achim Hochdörfer, der Direktor des Museums Brandhorst. Die Gruppenbildung in der Kunst, die Abfolge klar unterscheidbarer Stile und Themen, sei selbst ein historisches Phänomen. Gleichwohl kann man Tendenzen erkennen, die sich auch in der Sammlung zeigen.

 

„Wenn ich eine Arbeit aus unserer Sammlung aussuchen müsste, die für mich ganz viel vom Zeitgeist der 2000er-Jahre einfängt, wäre das vermutlich Seth Prices ‚Vintage Bomber‘ von 2006, ein goldfarbener, vakuumgeformter Kunststoffabguss einer Bomberjacke. In den 1990er-Jahren gab es noch utopische Ansätze, etwa Wolfgang Tillmans’ Rave-Bilder. Die 2000er-Jahre waren viel düsterer, 9/11 gab den Grundton vor.“ Seth Prices Bomberjacke verweist zum einen auf die Leichtigkeit der 1990er-Jahre, auf das modische Spiel mit Identitäten: Bomberjacken spielten in etlichen Subkulturen eine entscheidende Rolle. „Darüber hinaus wirkt sie wie eine Totenmaske, wie ein Abgesang auf die vom Kapitalismus ausgesaugten Szenen“, erklärt Hochdörfer. Die Form und der Faltenwurf verweisen auf den menschlichen Körper, der aber bezeichnenderweise abwesend, leer ist. Die Bomberjacke liegt da wie eine zweite Haut. „Das Gold lässt schließlich an den wahnsinnigen Kunstmarkt denken, der zu Beginn der 2000er-Jahre gerade explodierte, was übrig blieb, war das begehrenswerte Konsumgut, der reine Warenfetisch.“ In einer Arbeit verdichten sich auf diese Weise sehr viele Themen, die in der Kunst in den 2000er-Jahren verhandelt wurden: Körper und Mode und Politikmüdigkeit.

 

„Einer der großen Trends der 2000er-Jahre war die Rückkehr der Malerei“, sagt Hochdörfer. „Genauer: In dieser Dekade waren es die Frauen, die nach Jahrzehnten, ja nach Jahrhunderten endlich Eingang gefunden haben in die großen musealen Sammlungen.“ Diese Entwicklung ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Die Kunstgeschichte ist eine männliche Domäne – von der Glyptothek über die Alte Pinakothek bis zur Neuen Pinakothek sind unsere Museen fast ausschließlich von männlichen Künstlern bevölkert. Die Malerei der Nachkriegsmoderne entwickelte sich mehr und mehr zu einem Macho-Medium. Von Jackson Pollock bis zu den Jungen Wilden wurden die Leinwände mit großen männlichen Gesten mit viel Farbspritzern bearbeitet. „Die Zeit dieser großen Gesten war in den 2000er-Jahren vorbei – und endlich wurde der Blick frei auf die Arbeiten von Malerinnen, die es ja schon immer gegeben hat.“ So wurden in den letzten Jahren im großen Stil Arbeiten von Charline von Heyl, Amy Sillman, Monika Baer, Jacqueline Humphries, R.H. Quaytman und Laura Owens angekauft, Kerstin Brätsch und Jutta Koether wurde im Rahmen des Malerei-Schwerpunkts jeweils eine große Einzelausstellung gewidmet. Erstaunlich an diesem Trend ist auch, dass die Malerei als eigentlich traditionelles, wenn nicht konservatives Medium auf einmal sehr aktuell wirkte – und entscheidende Fragen der Gegenwart stellte. „Natürlich würde man den Künstlerinnen nicht gerecht werden, wenn man sie nur in eine Strömung oder Schule einordnen würde“, meint Hochdörfer. „Das geht allein schon deshalb nicht, weil man es mit hochindividuellen Ansätzen zu tun hat. Aber man kann einzelne Themen benennen, die auf unterschiedliche Weise bearbeitet werden: der eigene Körper als ein Kampfschauplatz der Gesellschaft und der eigenen Befindlichkeit, zudem der riesige Komplex Digitalisierung, daran arbeiten sich etwa Kerstin Brätsch mit ihrem Photoshop-Pinselstrich ab oder Jacqueline Humphries, deren Blacklight Paintings wie Bildschirme leuchten.“

 

Diese Entwicklung ist aber noch lange nicht zu Ende: „Das sieht man auch an unserem jüngsten Ankauf“, so Hochdörfer „über den ich mich wahnsinnig freue. Mit Fug und Recht wird Jana Euler im Moment international gefeiert, ihre Arbeiten sind gleichermaßen eingängig wie nachhaltig.“ Die Sammlung Brandhorst erwarb zwei ihrer brandneuen Gemälde aus der Serie „Great White Fear“. In einem der beiden Bilder schießt ein weißer Hai aus dem Wasser, der sich schon auf den ersten Blick als Penis entpuppt; im zweiten Bild sackt ein anderer kraftlos und voller Selbstzweifel in sich zusammen. „In dem Bild wird die ganze Phallokratie der alten weißen Männer mit sehr viel Humor aufs Korn genommen“, sagt Hochdörfer. „Es wird sehr deutlich, dass die Zeit der großen männlichen Gesten sich dem Ende zuneigt. Es wäre zumindest wünschenswert.“