Museum Brandhorst

Ästhetiken der Reproduktion

Ein Studientag des Zentralinstituts für Kunstgeschichte,
des Lehrstuhls für Philosophie und Ästhetische Theorie der Akademie der Bildenden Künste
und des Museums Brandhorst

13. – 14. September 2017

Mimesis, Wiederholung, Appropriation und Zirkulation, die Reproduktion beschäftigt die Kunst nicht nur im Kontext des Digitalen unter vielen Namen. Im Rahmen eines Studientags und zweier öffentlicher Abendveranstaltungen gehen Kunsthistoriker*innen, Philosoph*innen sowie Künstler*innen den Geschichten und Auslegungen der Reproduktion in der modernen und zeitgenössischen Kunst nach.

Die Spannung zwischen Originalität und Kopie, zwischen Produktion und Reproduktion bildet eine der zentralen Verwerfungslinien moderner Kunst. Im Zuge des modern(istisch)en Bruchs – markiert durch die Einführung des Geniebegriffs in der bildenden Kunst und Ästhetik – wurden Strategien der Imitation oder Aneignung existierender Kunstwerke, künstlerischer und nicht-künstlerischer Praktiken sowie sozialer und politischer Ereignisse als artifizielle, unauthentische Erzeugnisse verworfen. Insbesondere seit den 1960er-Jahren werden reproduktive Praktiken vermehrt auch als solche adressiert und problematisiert – nicht zuletzt als Kritik an modernistischen Konzepten wie Autorenschaft, Werkbegriff, Medium, Authentizität und Original. Die sich daraus ableitenden theoretischen Entwürfe mündeten in die Konzeption der „Appropriation Art“, die bis heute die Diskussionen über reproduktive Ästhetiken dominiert. Unter veränderten Vorzeichen führte die postmoderne Theorie der Aneignung die modernistischen Gegensatzpaare fort, indem sie auf einer klaren Trennung zwischen einer kritischen und einer affirmativen Reproduktion besteht: einer Dekonstruktion kultureller Normen einerseits und deren Wiederholung durch historizistische Pastiches andererseits. Angesichts der weitreichenden Auswirklungen digitaler Technologien erscheint es lohnenswert, die den reproduktiven Ästhetiken eigene Spannung wieder zu öffnen und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Zentrale Bestimmungen und Wertungen, die die Historiographie der Moderne und Postmoderne maßgeblich geprägt haben – Begriffe wie Kritikalität, Realismus und Subjektivität – werden so erneut auf den Prüfstand gestellt.

VORTRAG
Prof. Dr. Sebastian Egenhofer

Leere Körper, leere Räume. Warhols Ästhetik der Absenz

13. September 2017, 18.15 Uhr
Ort: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, 2. OG, Raum 242
Katharina-von-Bora-Str. 10, 80333 München

Warhols programmatische Auslöschung von Subjektivität wurde oft in Zusammenhang mit seiner öffentlichen Persona und mit dem einen Grundzug seiner Arbeit, der Serialisierung der Produktion, untersucht. Der Vortrag konzentriert sich auf die Leere, die diese Auslöschung hinterlässt, und auf die Verfahren ihrer Konturierung und Formung. Vor dem Hintergrund der „drip paintings“ Jackson Pollocks wird der Ausfall des Körpers des Produzenten in den frühen Episkop-gestützten Comic-Bildern Warhols analysiert. Ein Ausblick auf Werbeanzeigen für die Schuhfirma I. Miller & Sons macht die ökonomische Bestimmung der Leere als die abstrakte Wertsubstanz sichtbar. Der Blick auf Warhols „advertisement paintings“ von 1961 weist ihre Einschreibung ins Register der sexuellen Differenz auf. Die Analyse einiger Siebdruckgemälde zeigt, wie die Leere selbst zum paradoxen Körper wird, der mit dem Warenfetisch des Gemäldes verschmilzt.

PODIUMSDISKUSSION
Moderation Prof. Dr. Julia Gelshorn

14. September 2017, 18.30 Uhr
Ort: Museum Brandhorst, Foyer
Theresienstraße 35a, 80333 München

Im Rahmen der Podiumsdiskussion am Abend des 14. September werden die Ergebnisse des Studientags des Zentralinstituts für Kunstgeschichte, des Lehrstuhls für Philosophie und Ästhetische Theorie der Akademie der Bildenden Künste und des Museums Brandhorst gebündelt und gemeinsam mit den Teilnehmer*innen und Besucher*innen diskutiert.

Der Studientag (nur für geladene Gäste) thematisiert im Gespräch zwischen Kunsthistoriker*innen, Künstler*innen und Philosoph*innen die „Ästhetiken der Reproduktion“.  Er nimmt seinen Auftakt im Kopiensaal der Sammlung Schack, die eine der bekanntesten Sammlungen von Kopien venezianischer Renaissancemalereien aus dem 19. Jahrhundert beherbergt. Im Anschluss daran werden in drei historischen Schritten jüngere „reproduktive“ künstlerische Ansätze anhand von Werken der Sammlung Brandhorst in den Fokus gerückt: Am Anfang stehen Positionen der 1960er-Jahre wie Andy Warhol und Elaine Sturtevant, gefolgt von den Diskursen der 1970er- und 1980er-Jahre, die anhand von Werken von Louise Lawler, Jeff Koons und Cady Noland erläutert werden. Zum Abschluss stehen (post-)digitale Formen der Aneignung in der zeitgenössischen Malerei – diskutiert am Beispiel der Ausstellung „Kerstin Brätsch. Innovation“ – im Zentrum.

Louise Lawler, Portrait, 1982