Museum Brandhorst

Postapokalyptischer Realismus

It’s After the End of the World. Don’t You Know That?

VERANSTALTUNGSREIHE IM MUSEUM BRANDHORST
am 17.03. und 18.03. |  24.03. und 25.03.| 31.03. und 01.04.2017

Darstellungen einer postapokalyptischen Welt bestimmen gegenwärtig nicht nur Science Fiction Filme, Literatur oder Videogames, sondern auch die Berichte der Geistes- und Naturwissenschaften sowie die täglichen Nachrichten. Die offenkundige Allgegenwart von postapokalyptischen Erzählungen in fiktionalen wie wissenschaftlichen Darstellungen der Welt legt eine Untersuchung der damit verbundenen Gemengelage nahe. Hier setzt die Veranstaltungsreihe „Postapokalyptischer Realismus. It’s After the End of the World. Don’t You Know That?“ an. Sie stellt künstlerische, filmische, literarische, musikalische und theoretische Positionen vor, die dieses poröse Verhältnis von Realität und Fiktion und die Darstellungsformen der Postapokalypse genauer zu betrachten erlauben. Zugleich wird die Frage aufgeworfen, ob ein „postapokalyptischer Realismus“ Möglichkeiten anbietet, eine verfahren scheinende Gegenwart und sich bedrohlich abzeichnende Zukunft verändert zu denken.

Bis in die Gegenwart hinein stellen postapokalyptische Erzählungen eine Welt nach einer meist vage umrissenen Katastrophe vor. Es ist eine Welt am Abgrund, in der lebensnotwendige Rohstoffe knapp geworden und ökologische Systeme zusammengebrochen sind, ökonomische Ungleichheiten sich verschärft haben, während die Menge der Rechtlosen unzählbar geworden ist und kriegsähnliche Zustände und Krisen kein Ende nehmen. Den ersten Entwurf einer solchen Erzählung entwickelt die Schriftstellerin Mary Shelley bereits 1926, in Form ihres Science Fiction Romans The Last Man. Als Genre blühten postapokalyptische Erzählungen im Format der Science Fiction jedoch vor allem ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf. Nicht von ungefähr fiel dies mit dem Aufbruch in eine globalisierte und postkoloniale Welt, rasanten technologischen Entwicklungen und neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen, die ein anthropozentrisches Weltbild, das den westlichen Menschen als Maß aller Dinge verstehen will, endgültig als unhaltbar auswiesen. Diese sozialen, technologischen und wissenschaftlichen Umbrüche und die damit einhergehende grundlegende Verunsicherung im Selbstbild des Menschen bildeten den Hintergrund für die erste Hochphase postapokalyptischer Science Fiction. Die omnipräsente Gefahr der nuklearen Katastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg und der Bericht des Club of Rome 1972, der das mögliche Versiegen lebenswichtiger Ressourcen ankündigte, boten zusätzlichen Stoff für dunkle Erzählungen zukünftiger Welten, deren Vergangenheit soweit aus dem Ruder lief, dass die menschliche Spezies zu erlöschen droht.

Indem sie den fragilen Status des Menschen in der Welt zu ihrem Ausgangspunkt machen, führen postapokalyptische Erzählungen aber auch ein grundlegendes Narrativ der Moderne fort: das Narrativ eines Selbst, dem der Boden unter den Füßen entglitten ist, das seinen Ort in einer schon lange aus den Fugen geratenen Welt verloren hat. Sie richten sich auf eine mögliche Zukunft und sind doch zugleich zutiefst in der gegebenen Realität der Gegenwart und Vergangenheit verankert. Es sind Erzählungen, die reale und fiktive, erfahrene und projizierte Bedrohungen reflektieren. Indem sie diese Erfahrungen wörtlich nehmen, stellen sie Entwürfe einer Welt vor, die so sehr zusammenbricht, wie sie immer schon zusammengebrochen war. Der Begriff des „postapokalyptischen Realismus“ bezieht sich – wie sein historischer Vorläufer – auf diese grundlegende Zugewandtheit zur Welt. Der Realismus bezeichnet im Allgemeinen künstlerische wie literarische Äußerungen im 19. Jahrhundert, die die vielseitigen gesellschaftlichen Spannungen der flüchtigen Gegenwart zu fassen versuchten. Im Versuch  die Unsicherheiten und Widersprüche der modernen Welt – zwischen Individualität und Universalität, Kultur und Natur, Mensch und Maschine, Authentizität und Entfremdung, Selbst- und Fremdbestimmung – zu beschreiben, entwickelt der Realismus jedoch Vorgehensweisen, die sich über die Fragestellungen der künstlerischen und literarischen Moderne hinaus als grundlegend erweisen. Die Verschränkung von Realität und Fiktion, Hoch- und Populärkultur, sowie die Verfahrensweisen der Appropriation, Karikatur, Montage und des Détournements bieten bis in die Gegenwart – als Mittel der Beschreibung, aber auch Analyse und Kritik zeitgenössischer Bedingungen – Möglichkeiten der Formgebung für eine Welt, in der sich die Krise als Status Quo zeigt.

In einer Gegenwart, die von Erzählungen der drohenden und bereits stattfindenden sozialen, ökonomischen, ökologischen und politischen Katastrophe dominiert wird, eröffnet ein postapokalyptischer Realismus Möglichkeiten, sich diese anzueignen, sie zu untersuchen und zu unterlaufen. Nach diesem Potential fragt die Veranstaltungsreihe: Kann das Ineinandergreifen von Realität und Fiktion einer immer schon versehrten Welt, zersetzten ökologischen wie politischen Systemen und humanen wie nicht humanen bio-technologischen Wesen eine Kontur geben? In welcher Weise fließen die angeführten Verfahrensweisen des Realismus in zeitgenössische Formen der Reflexion von Welt ein, wie werden sie aber auch adaptiert und erweitert? Und inwiefern bergen dystopische Formgebungen der Welt und des Lebens die Möglichkeit, aus den realen wie fiktiven Darlegungen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft heraus neue (utopische) Formen von Gemeinschaft und Subjektivität zu erfinden?

Teilnehmende Künstlerinnen und Künstler, sowie Theoretikerinnen und Theoretiker: Juan Atkins, Jacky Connolly, Helmut Draxler, Georgia Sagri, Hassan Khan, Anja Kirschner, Nina Könnemann, Dana Luciano, Inka Meißner, Robert Müller und Tanja Widmann, Michael Smith, Peter Wächtler, Jutta Zimmermann

Konzeption: Tonio Kröner und Tanja Widmann

Mike Kelley und Michael Smith Voyage of Growth and Discovery (Detail/Video Still), 2009