Museum Brandhorst

Cy Twombly

In seinem Atelier in Gaeta hinterließ Cy Twombly eine Serie von acht Bildern, die er im Februar 2011, also kurz vor seinem Tod im Juli, gemalt hatte. Während der Arbeit, so berichtet Nicola Del Roscio, habe Twombly bereits äußerst schwer geatmet: „He was like in an agony. But he did not want to give up. It was really his last effort.“ Twombly hat den Bildern zwar keinen endgültigen Titel gegeben, sprach von ihnen jedoch, zusammen mit den wenige Monate zuvor entstandenen fünf Bildern als Camino Real-Tafeln.

„Untitled (Camino Real" (2011) zählt sicherlich zu den farblich intensivsten Gemälden, die Twombly in seiner über 60-jährigen künstlerischen Entwicklung geschaffen hat: rote, gelbe und orangene Schleifen ziehen sich über den hellgrünen Grund und bilden leuchtende Farbakkorde. Man ist versucht, mit dem Auge die einzelnen Linienverläufe nachzuvollziehen: wo sie beginnen und auslaufen, wie sie sich überlagern und staccato-artig abbrechen. Die rhythmischen Wiederholungen der kreisenden Bewegungen entfalten eine furiose Dynamik.

Es ist erstaunlich, mit welch reduzierten Mitteln Twombly über die ganze Serie hinweg ein Panorama an Ausdrucksmöglichkeiten vorführt: wie die unterschiedlichen Größen der Schleifen, die Gewichtung der Farbakkorde und die gegenseitigen Überlagerungen ganz unterschiedliche Stimmungen und Charaktere erzeugen. Während des Malprozesses hat Twombly die breiten Pinsel an lange Stöcke gebunden. So sind die Linien nicht mehr im Detail kontrollierbar, werden quasi sich selbst überlassen und entfalten ihre eigenen Launen. Man meint zu sehen, wie Twombly den frisch in die Farbe getauchten Pinsel ansetzt, wie die Farbe dann dick herunterfließt und wie die Geste im weiteren Verlauf an Kraft verliert. Die einzelnen Schleifen, aus mehreren Strichen zusammengesetzt, wirken abgehackt, ja regelrecht „kurzatmig“ – und es stellt sich in der Tat die Frage, ob Twombly in seinen letzten Bildserien die physische Anstrengung des Alters selbst zur Darstellung gebracht hat. Angesichts der Dynamik und Leuchtkraft in den ausladenden Schwüngen könnte man den Eindruck gewinnen, Twombly habe mit seiner „Stock-Technik“ seinem alternden Körper einen erweiterten Aktionsradius geben wollen.

 

 

Cy Twombly (1929 - 2011)
		Ohne Titel (Camino Real), 2011 Acryl auf Sperrholz
		252,4 x 185,1 cm Udo und Anette Brandhorst Sammlung, Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München
		© Cy Twombly Foundation

Cy Twombly (1929 - 2011)
Ohne Titel (Camino Real), 2011

Acryl auf Sperrholz
252,4 x 185,1 cm
Udo und Anette Brandhorst Sammlung, Foto: Haydar Koyupinar, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Museum Brandhorst, München
© Cy Twombly Foundation