Museum Brandhorst

Mark Leckey

„Dream English Kid“ begann mit der Audioaufnahme eines Joy Division Konzerts in einem kleinen Liverpooler Club, die ich auf YouTube fand. Ein Auftritt, bei dem ich selber anwesend war, aber an den ich mich kaum erinnern konnte. Während ich mir das anhörte fragte ich mich, ob ich – durch Verstärkung des Tons – wohl mein eigenes 15-jähriges Ich in der Aufzeichnung finden würde. Dies ließ mich darüber nachdenken, dass es zum jetzigen Zeitpunkt, wo so viel Bildmaterial in digitalen Archiven verfügbar ist, möglich sein müsste, meine Memoiren anhand all der DVD Neuveröffentlichungen, eBay Ephemera, YouTube Uploads und der Ressource, die das Internet insgesamt darstellt, zu rekonstruieren.
(Mark Leckey)

Der britische Künstler Mark Leckey (*1964) beschreibt „Dream English Kid 1964-1999 AD” (2015) als ein autobiographisches Video. Anstatt die Zeit von seiner Kindheit bis zum Erwachsenenalter anhand von Fotografien und Filmclips seiner selbst nachzuerzählen, präsentiert er eine Collage aus „found footage“ Material, das er im Laufe der letzten Jahre vor allem aus dem Internet zusammen getragen hat. In kurzen Episoden kombiniert er dieses mit analogen und digitalen Rekonstruktionen von Orten und Ereignissen, die er als zentral für sein Denken und seine künstlerische Praxis versteht. Hierzu zählen beispielsweise die britische Musikkultur – das Video beginnt mit einem Fernsehauftritt der Beatles im Jahr 1964; aber auch die großen technologischen Entwicklungen der letzten Dekaden, wie der Launch des NASA-Satelloons „Echo II“ 1964 – ein passiver Kommunikationssatellit, der Signale aus dem Weltall auf die Erde reflektieren sollte und die Vorläufertechnologie zu den alles vernetzenden Satelliten bildet. Damit offeriert er mittels seiner Autobiographie eine Lesart der jüngeren Geschichte, die ebenso persönlich wie allgemeingültig, ebenso singulär wie uns alle betreffend ist. Gezeichnet von der alles überschattenden nuklearen Bedrohung des Kalten Krieges entwirft „Dream English Kid 1964-1999 AD“ ein apokalyptisches Bild des späten 20. Jahrhunderts.

Wie „Flashbacks“ zeigt Leckey die Bilder, die er für seine Erinnerungen gefunden hat – er sagt, er habe sich selbst durch das Online verfügbare Archivmaterial über das Leben anderer Leute rekonstruiert. Durch die loopartige Struktur des Videos, aber auch durch die gezielte Wiederholung einzelner Sequenzen, führt er Erinnerungsbilder als Endlosschleife vor, in der wir dauerhaft gefangen scheinen. An anderen Stellen zersetzen sie sich vor unseren Augen in ihre Pixel und Lichtpunkte, so wie Erinnerungen im Laufe der Zeit verblassen. Damit wird „Dream English Kid 1964-1999 AD“ zu einer essenziellen Abhandlung über das Wesen der Erinnerung.

Das Video wurde 2016 auf dem 45. Internationalen Filmfest Rotterdam mit einem Spezialpreis für Kurzfilme ausgezeichnet.

Dream English Kid, 1964 - 1999 AD
		2015, 1-Kanal-Video, Farbe, 5.1 Surround-Ton, 23:02 Min.
		Udo und Anette Brandhorst Sammlung

Dream English Kid, 1964 - 1999 AD

2015, 1-Kanal-Video, Farbe, 5.1 Surround-Ton, 23:02 Min.
Udo und Anette Brandhorst Sammlung