Museum Brandhorst

Isaac Julien. Ten Thousand Waves

30. März 2011 bis 8. Januar 2012

Museum Brandhorst | Kunstareal München
© The Artist

Die Udo und Anette Brandhorst Stiftung hat sich an der Finanzierung einer neuen Arbeit von Isaac Julien beteiligt, die 2010 vollendet wurde und die im März 2011 erstmals in Deutschland im Museum Brandhorst zu sehen war.

Es handelt sich bei Ten Thousand Waves um ein 9-Kanal-Video-Installation, an der der Künstler fast vier Jahre gearbeitet hat. Die entscheidenden Filmaufnahmen entstanden in China, und zwar in Zusammenarbeit mit einer Reihe international bekannter Schauspielerinnen wie der legendären Maggie Cheung oder Zhao Tao. Der Videokünstler Yang Fudong tritt ebenso auf wie der Dichter Wang Ping oder Gong Fagen, ein Großmeister der Kalligraphie.

Ausgangspunkt war für Julien eine chinesische Legende über die Göttin Mazu, deren besondere Fähigkeit darin bestand, auf hoher See in Gefahr geratene Seeleute wieder ans sichere Ufer zu geleiten. Aufnahmen alter Bilder rufen diese Geschichte in Erinnerung, aber Julien versetzt die Gestalt, dargestellt von Maggie Cheung, in das heutige China, wobei immer wieder tosende Verkehrsströme Shanghais ins Bild kommen, dann aber auch wunderbare Flusslandschaften, gesäumt von Bambuswäldern und Sandsteingebirgen, in denen sich einige Flussschiffer verirrt haben. Ein zweiter Erzählstrang konzentriert sich auf den Tod von 23 Chinesen, die illegal nach England eingereist waren und sich als Muschelsammler verdingt hatten. Unerfahren mit den Gezeiten des atlantischen Ozeans, kamen sie 2005 bei einer Springflut ums Leben. Mazu konnte hier nicht helfen. Nur in einem großen Medienecho „überlebte“ das tragische Unglück. Eine dritte Ebene manifestiert sich in Sequenzen, die sich auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts beziehen, als Shanghai einen Sonderstatus hatte, so dass hier bedeutende Filme produziert werden konnten, so u.a. The Goddess, der das Schicksal einer jungen Frau nachzeichnet, die, arbeitslos geworden, zur Prostituierten wird, um sich und ihr Kind durchbringen zu können. In Juliens Version, die die Atmosphäre der 30er Jahre vergegenwärtigt, spielt Zhao Tao diese Rolle.

Mit Ten Thousand Waves setzt Julien konsequent fort, was bereits für seine früheren Arbeiten charakteristisch war (darunter „Western Union/Small Boats" in der Sammlung des Museums Brandhorst). Durchgängig thematisieren seine Video-Installationen ästhetische, soziale und psychische Aspekte unterschiedlicher Lebenswelten, wobei die westlich geprägten Vorstellungen von Weltkultur durch seine afro-karibische Sicht teils in Frage gestellt, teils auch neu formuliert werden. Es ist gleichsam eine Verschränkung post-kolonialer Strategien mit post-strukturalistischen Ansätzen, die dem Œuvre von Isaac Julien im Spektrum der zeitgenössischen Kunst eine herausragende Rolle zuweisen.

Künstlergespräch mit Isaac Julien am 17. Mai 2011
Mit Unterstützung der Udo und Anette Brandhorst Stiftung hat der britische Künstler Isaac Julien 2010 eine Arbeit vollendet, die erstmals in Deutschland im Museum Brandhorst zu sehen sein war. An der 9-Kanal-Video-Installation „Ten Thousand Waves" hat der Künstler fast vier Jahre gearbeitet. Die entscheidenden Filmaufnahmen entstanden in China in Zusammenarbeit mit international bekannten Schauspielerinnen. In dem Format „All about me" diskutierte Isaac Julien im Gespräch mit Armin Zweite, dem Direktor der Sammlung Brandhorst, über Entstehung und Auslegung seiner Arbeit.

„Bedrückend schön“ 
„Eine Besonderheit an den Werken von Isaac Julien (...) sind die technische Perfektion und die berührend-poetische Bildsprache, mit denen er Themen gesellschaftlichen und menschlichen Elends mittels komplexer Erzählstränge vermittelt. (…) Der Betrachter bewegt sich zwischen ihnen hindurch. …Julien erzählt die verwobenen Geschichten in berückend schönen Bildern, wechselt paradiesische chinesische Landschaften mit Originalaufnahmen der englischen Küstenwache ab … Akribisch inszeniert sind auch die Darsteller…“
Süddeutsche Zeitung, 30. März 2011 , Judith Liere

„Mit seinen magischen Mehrkanal-Projektionen erweitert der britische Künstler Isaac Julien die Definition von Bild und Film – und schafft eine faszinierende Traumwelt voller Schönheit und Anmut. Sein neues Werk „Ten Thousand Waves“ ist nun als Deutschlandpremiere im Museum Brandhorst zu sehen – dank der finanziellen Beteiligung der Brandhorst-Stifung an der aufwendigen Produktion. Da bisher jedes Julien-Werk ein Ereignis darstellte, ein absoluter Tipp!“ 
stern, 31.März 2011

„Neun riesige Projektionen schweben im Raum. Shanghai brodelt und lärmt. Da ist eine hübsche Chinesin mit hoch geschlitztem Kleid. Ein paar Screens vermitteln feine Klänge und leuchtende Farben. Es folgen alte Luftaufnahmen, Suchbilder. Plötzlich ruckelt es, China verschwindet, taucht wieder auf, bis zum nächsten Bruch. Diese Film-Architektur der Widersprüche in der Sammlung Brandhorst ist verwoben und komplex. „Ten Thousand Waves“, zehntausend Wellen von Isaac Julien überschwemmen den Betrachter zunächst mit Sinneseindrücken und geben erst spät die drei Geschichten preis. …. Als Einstieg für das ebenso emotionale wie intellektuelle Filmspektakel sei im Nebenraum „True North“ (2004) empfohlen.“
Münchner Merkur, 30.März 2011, S. 15, TZ, 30.März 2011, S.8, Freia Oliv

„… Sagenhafte Bilder hat Julien für sein Multimedialwerk gefunden: elegische Flusslandschaften, tiefromantische Nebelmeere, die zuweilen an Caspar David Friedrich erinnern, abgelöst vom Verkehrsdschungel Shanghais, den Hammer- und Sichel-Fahnen einer kommunistischen Parade oder einem Bordell in berauschenden Farben.“
Abendzeitung, 30.März 2011, S. 18, Christa Sigg

„Isaac Julien zündet Optik-Orgie im Brandhorst-Museum“ 
„So wird Film-Kunst zum totalen Erlebnis. Der englische Videokünstler Isaac Julien (50) zeigt im Untergeschoss des Brandhorst-Museums sein Projekt „Ten Thounsand Waves“. Es ist Deutschland Premiere. Ein abgedunkelter Raum mit neun Leinwänden. Auf allen läuft der Julien-Film gleichzeitig. Die Bilder springen von Wand zu Wand, fließen ineinander, werden verdoppelt, verdreifacht. Die Zuschauer stehen mittendrin. Schauplatz der optischen Orgie: China. Verkehrsgewirr in Shanghai, paradiesische Ruhe am Fluss eine uralte Göttin der Seefahrer. …“
Bild, 30.März 2011, Wolfgang Ranft

„Wer findet, dass Filme ins Kino gehören und nicht ins Museum, sollte trotzdem mal im Museum Brandhorst reinschauen: Isaac Julien hat für seine Installation vier Jahre lang chinesische Leinwandlegenden, uralte Mythen und neueste Nachrichten gesammelt und in neun Videokanäle komponiert – ein Bildmeer. …“
br-online, 29.März 2011

„… Im dunklen Videoraum im Tiefgeschoss des Museums Brandhorst verfolgt der Besucher 55 Minuten lang fasziniert die auf bis zu neun Monitoren ablaufenden Filme der 9-Kanal-Video-Installation mit Atem beraubenden Bildern..“
und, Das Münchner Kunstjournal, April/Mai/Juni 2011, Johanna Kerschner

„Eine Video-Installation der Superlative: 55 Minuten Spielzeit auf neun Kanälen zugleich mit Star-Schauspielerinnen wie Maggie Cheung und Zhao Tao. Isaac Julien hat daran vier Jahre lang gearbeitet. Solch eine Großproduktion bedarf vieler Geldquellen; die Udo und Anette Brandhorst Stiftung war beteiligt. Dafür ist die Installation neun Monate in ihrem Museum zu sehen. …“
„… Ein Look wie bei Hollywood-Filmen: beste Bildqualität, verschwenderische Ausstattung, aufwändige Inszenierung mit Kamerafahrten – und –flügen, raffinierte Special Effects wie im Popcorn-Kino. Mit dessen simplen Handlungsmustern hat jedoch «Ten Thousand Waves» trotz aller Opulenz nichts gemein.“
kultiversum, 1.Juni 2011, Oliver Heilwagen

„… Fast vier Jahre hat er an seinem gerade fertig gestellten, jüngsten Werk Ten Thousand Waves gearbeitet und erstmals ist die Udo und Anette Brandhorst Stifung dabei währen der Produktion in die Finanzierung eines Kunstwerkes eingestiegen, was nun schlüssig dazu führt, dass das Debüt der 9-Kanal-Video-Installation im Museum Brandhorst stattfindet.(...) Ein eigens eingerichteter Medienraum dokumentiert Interviews mit dem Künstler, Archivmaterial, Bildvorlagen und gibt Einblick in die Entstehung eines so umfangreichen Werkes. …“
In München, 5.Mai– 18.Mai 2011, S. 32, Dörthe Bäumer

„Die Goldene Spectra … geht an Künstler Isaac Julien für die Videoinstallation „Ten Thousand Waves“ im Münchner Museum Brandhorst. Jede Einstellung ein Meisterwerk und der Beweis: Videokunst ist die neue Malerei!“
Bunte, 7.April 2011