Museum Brandhorst

Hiroshi Sugimoto. Revolution

25. Oktober 2012 bis 10. Februar 2013

Museum Brandhorst | Kunstareal München
Museum Brandhorst | Kunstareal München
Foto: Haydar Koyupinar © 2013 Hiroshi Sugimoto
Foto: Haydar Koyupinar © 2013 Hiroshi Sugimoto

Hiroshi Sugimoto gilt als einer der bekanntesten Fotokünstler unserer Zeit. Sein großes internationales Renommee basiert auf seinen Bildern, wenngleich er sich in den letzten Jahren zunehmend auch mit anderen Gattungen beschäftigt hat. Architektur, Möbel, Objekte und Mode spielen eine zunehmend wichtige Rolle in seinem Schaffen. Die großen Museen der Welt zeigen und sammeln bislang jedoch in erster Linie seine Fotografien.

Wenn Sugimoto dem hier erstmals öffentlich gezeigten Werkkomplex den Titel "Revolution" gibt, so verweist er auf eine radikal veränderte Wahrnehmung des Begriffes, die sich in fünfzehn großformatigen Werken manifestiert. Nicht auf politische oder soziale Umstürze will Sugimoto mit dem Begriff hinweisen, sondern er verwendet den Terminus in seiner ursprünglichen Bedeutung im Sinne von "Aufhebung" oder "Umwälzung" von bisher als gültig anerkannten Gesetzen oder Praktiken aufgrund neuer Erkenntnisse und Methoden. Technisch gesehen handelt es sich bei den Arbeiten zweifellos um Fotografien, aber wahrgenommen und verstanden werden sie in erster Linie als Bilder, die man eher einer malerischen oder konzeptuellen Sphäre zurechnen möchte. Die mediale Überschreitung ist für das gesamte Schaffen Sugimotos charakteristisch. Das gilt auch für die "Seascapes", den größten Werkkomplex seines Œuvres. Seit über dreißig Jahren stellt Sugimoto das Meer dar, und zwar immer auf die gleiche, stereotype Art und Weise.

Der Ausgangspunkt für die fünfzehn Arbeiten mit dem Titel "Revolution" liegt in nächtlichen Meereslandschaften. Durch Drehung um 90° im Uhrzeigersinn werden aus Horizonten vertikale Linien. Das Romantische des Nachtbildes verflüchtigt sich. Ohne die materielle Substanz oder das motivische Ensemble zu verändern, werden durch die Transformation naheliegende Bedeutungen ausgeblendet bzw. um ihre Evidenz gebracht. An ihre Stelle tritt gleichsam eine abstrakte Konfiguration von großer Eigenständigkeit. Es ist letztlich die Präsenz des Ästhetischen, die Sugimoto mit den neuen Werken nachdrücklich zur Erscheinung bringt. Das Verfahren verdankt sich herkömmlichen Vexierbildern, bringt aber in diesem Fall keine neuen erzählerischen Momente hervor, sondern führt zu hermetischen Kompositionen, die an Werke amerikanischer Malerei wie etwa von Barnett Newman erinnern können.

In Tokyo geboren und aufgewachsen, verließ Sugimoto 1972 seine Heimatstadt, um in Los Angeles ein Kunststudium zu beginnen. 1974 zog es ihn nach New York, wo er bis heute lebt und arbeitet, wobei er aber auch einen Wohnsitz in Tokyo hat.

Begleitend zu der Ausstellung erscheint ein Katalog im Hatje Cantz-Verlag in deutscher und englischer Sprache mit Texten von Hiroshi Sugimoto und Armin Zweite (Preis 48,00 €, ISBN 978-7757-3471-4).

Stan Nadolny erzählt in seinem vor gut zwanzig Jahren erschienenen Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ das Leben des Polarforschers John Franklin. Seine angeborene extreme Langsamkeit kompensiert Franklin durch eisernen Willen, Präzision und Gründlichkeit. Als er 1847 stirbt, hat er durch spektakuläre Expeditionen Berühmtheit erlangt. Hätte Nadolny seinem langsamen Romanhelden eine Kamera gegeben, so wären Fotografien entstanden, wie sie nun im Museum Brandhorst in München zu sehen sind: Stille unendlich reduzierte Aufnahmen von Meeren in strengem Schwarzweiß und vielen Grautönen, die den Betrachter entrückt und gleichzeitig ratlos zurücklassen. Der Schöpfer dieser Fotografien ist der in New York lebende Künstler Hirshoshi Sugimoto. Seine Serie „Revolution“ vereint 15 großformatige Meeresbilder, die um das Jahr 1990 entstanden und die Sugimoto nun um 90 Grad drehte. Der Effekt dieser einfachen Maßnahme ist groß: Die Meeresansicht wird zur abstrakten Komposition, da Wasser, Himmel und Horizont nicht mehr zu identifizieren sind. Zusätzlich irritierend sind auf den Aufnahmen die grellen Leuchtstreifen, die der Langzeitbelichtung bei Nacht geschuldet sind. Denn sie sind nichts anderes als helle Sterne oder der Mond, die durch die minuten-lange Belichtung zum Lichtphänomen werden. Auf diese Himmelskörper verweist der Titel der Serie „Revolution“.
Süddeutsche Zeitung vom 25.10.2012, Burcu Dogramaci

„Revolution“ dient der Astronomie als Fachausdruck für den geordneten Umlauf der Gestirne und bedeutet ursprünglich Umwälzen, Rückkehr. In diesem Sinn benutzt ihn Sugimoto für das neue Konzept: Das „Umwälzen“ der großformatigen Bilder hilft bei der Rückkehr zu unvoreingenommenem Sehen und bei der Loslösung von eingerasteten Erwartungen an das fotografische Bild. Vielleicht hilft es auch, dabei einen inneren Schwebezustand zu erreichen – mit der Aussicht darauf, irgendwo dort unten das eigene Ich als Pünktchen zu sehen.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.11.2012, Brita Sachs

Diese Oase ist grau und schwarz. Trotzdem strahlt sie nicht Depression aus, sondern überwältigende Unendlichkeit. Auf den Bildern in den dunklen Räumen ist wenig zu sehen. Und doch ist es der ganze Kosmos und alles, was darüber hinaus geht. Hiroshi Sugimoto hat in der Münchener Sammlung Brandhorst wirklich eine laut Ausstellungstitel „Revolution“ geschaffen.
Münchener Merkur vom 2.11.2012, Freia Oliv

Es kann einem geradezu schwindlig werden, wenn man diese Prints genau betrachtet. Feinste Nuancen von Grau definieren das Kräuseln der Wellen bei leichter Brise. Warum jedoch um 90 Grad auf die Seite gestellt? Da ist sie wieder, die Revolution: Diese Hochformate gemahnen so eher an konkrete Kunst. Jeweils ein präzise durchgezeichnetes Bild hängt neben einer unscharfen Langzeitbelichtung. Zwei Großformate pro Raum: Das ist die Großzügigkeit pur. Allerdings verdankt sie sich nicht dem Eingriff von Direktor Armin Zweite. Der überließ vollständig dem Altmeister das Feld. Sugimoto arrangierte, schuf die speziellen Rahmungen und fand eine Wandfarbe, die alle lästigen Streulichter absorbiert, damit keine Reflexionen den Eindruck stören.
Kunstzeitung, Ausgabe Dezember 2012, Matthias Kampmann