Museum Brandhorst

Gillian Wearing

21. März bis 7. Juli 2013

Museum Brandhorst | Kunstareal München
© Gillian Wearing, Courtesy Maureen Paley, London, 2003

Eine Ausstellung der Pinakothek der Moderne im Museum Brandhorst, München, in Kooperation mit der Whitechapel Gallery, London, und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Die erste große Retrospektive zum Werk von Gillian Wearing in Deutschland zeigt fotografische Arbeiten und Filminstallationen. Neun Ausstellungsräume bieten einen Überblick über das bisherige Schaffen, vermitteln dessen spezifische Ästhetik und charakteristische künstlerische Strategien. Für Gillian Wearing, so zeigt sich, bedeutet das Kunst-Machen soziale Beziehungen sichtbar zu machen.Gillian Wearing zählt zu den wichtigsten Künstlerinnen ihrer Generation in Großbritannien. Geboren 1963 in Birmingham, studierte sie am renommierten Londoner Goldsmiths College und erlangte seit den 1990er Jahren internationale Bekanntheit. 1997 wurde die Künstlerin mit dem Turner Prize ausgezeichnet. Gillian Wearing geht es in ihren Arbeiten immer wieder um den Selbstausdruck von Menschen in inszenierten Situationen. Ihr Interesse gilt Sicht- und Verhaltensweisen unterschiedlichster Menschen - Durchschnittsbürgern sowie Obdachlosen, Rentnern wie auch Schulkindern. In schonungsloser, aber immer auch behutsamer Auseinandersetzung entstehen Porträts, in denen sich eine fragile Balance einstellt zwischen Eigenwahrnehmung und Außenwirkung, Privatheit und Öffentlichkeit, Wahrhaftigkeit und Projektion.

Die frühesten Arbeiten sind Aktionen im öffentlichen Straßenraum. 1992/93 bat Gillian Wearing wildfremde Passanten, einen ihnen wichtigen Gedanken spontan zu Papier zu bringen, um danach die jeweilige Person mit ihrer Botschaft fotografisch festzuhalten. Die insgesamt rund 600 Porträts umfassende Serie mit dem Titel "Signs that Say What You Want Them to Say and Not Signs that Say What Someone Else Wants You to Say" ("Schilder, die sagen, was du mit ihnen sagen willst, und nicht Schilder, die sagen, was jemand anderes will, das du es mit ihnen sagst") spiegelt Kontrolle und Kontrollverlust, die mit Bildproduktion und Bildwirkung zwangsläufig einhergehen.

Auf einem Gruppenbildnis, das an historische Gemälde erinnert, schauen 26 Männer und Frauen in Polizeiuniformen stumm, aber eindringlich die Betrachter an. Das Porträt ist keine Fotografie, sondern ein Film. In der Videoinstallation "Sixty Minute Silence" (1996) werden aus "nur" Dargestellten unberechenbare Akteure - eine ganze Stunde lang.

Wohl die meisten Menschen haben sich schon gefragt, wie viel von ihrer Mutter oder ihrem Vater in ihnen steckt. Für die Selbstinszenierungen als Mitglieder der eigenen Familie (2003-06) schlüpfte Gillian Wearing, inspiriert von alten Fotos, in nachgebildete Hüllen ihrer nächsten Verwandten. Aus den Silikonmasken heraus blickt stets Wearing selbst in die Kamera - bisweilen älter als es die Verkörperten zum Zeitpunkt des fotografischen Vorbilds waren. Zeiten und Generationen verschmelzen miteinander, die gegensätzliche Vorstellung von Nähe und Distanz löst sich auf. Auch die frühe Videoarbeit "10-16" (1997), bei der Erwachsene sich zu den Stimmen von Kindern und Jugendlichen im Alter von zehn bis sechzehn Jahren bewegen, irritiert durch Widersprüche. "I'm interested in people", sagt Gillian Wearing und weiß, dass die Herstellung eines Bildes immer mit Macht verbunden ist und dass Vereinnahmung oder Manipulation nie völlig zu vermeiden sind. In diesem Bewusstsein untersucht Wearing die Strukturen sozialer Konventionen und verschränkt individuelle mit standardisierter Kommunikation.

Kurator in München: Bernhart Schwenk

Die Ausstellung wird gefördert durch Ernst & Young.
Mit freundlicher Unterstützung von PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne e.V.

Filmvorführung am 18. März
Am 18. März  läuft um 20.00 Uhr in der Hochschule für Fernsehen und Film die Arbeit "Self-Made" von Gillian Wearing. Der Film wird im Rahmen des Vorprogamms der Veranstaltung KINO DER KUNST gezeigt. Nähere Informationen sowie alle weiteren Termine finden Sie hier.
Bernhart Schwenk, Kurator für Gegenwartskunst in der Pinakothek der Moderne, gibt eine Einführung in das Werk der Künstlerin.
Die Filmvorführung findet in Kooperation mit dem Museum Brandhorst, der HFF München sowie dem DOK.fest München statt.

Der Eintritt zu der Veranstaltung ist frei.

2007 richtete sich die Künstlerin mit der Frage "If you were to play a part in a film, would you be yourself or a fictional character? Call Gillian" an die Öffentlichkeit. Aus hunderten Bewerbern wählte Wearing sieben Kandidaten für ihr außergewöhnliches Experiment aus. In ihrem Film begleitet die britische Künstlern die Laiendarsteller, die unter Anleitung von Sam Rumbelow ihre Rollen aus eigenen Biografien sowie aus ihren fiktiven Wunschvorstellungen entwickeln. Entstanden ist eine ergreifende 84-minütige Dokumentation mit Filmsequenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Das Buch zur Ausstellung (Verlag der Buchhandlung Walther König) ist die bislang umfassendste Monografie zum Schaffen von Gillian Wearing. Mit Texten von Daniel F. Herrmann, Doris Krystof, Bernhart Schwenk und David Deamer, 100 Farbabbildungen, 232 Seiten. ISBN: 978 3 86335 156 4. Preis: 29,80 Euro.