Museum Brandhorst

Georg Herold. Multiple Choice

19. April bis 2. September 2012

Museum Brandhorst | Kunstareal München
Foto: Haydar Koyupinar
© VG Bild-Kunst, Bonn 2013

Kann man mit Dachlatten und Kaviar Kunst machen? Die Frage dürfte oft verneinendes Kopfschütteln hervorrufen. Georg Herold belehrt uns jedoch eines Besseren. In seinen Bildern, Objekten, Multiples und Installationen hat er in den frühen 1980er Jahren billige Dachlatten und seit 1988/89 wiederholt teuren Beluga-Kaviar verarbeitet. Die banalen Holzleisten spielen bis heute in seinem Werk eine zentrale Rolle, da sie, wie er sagt, „jeder Aussage präzise angepasst werden können“. Während man entsprechende Objekte damals als anti-ästhetisch einschätzte, wurde die Verwendung von Kaviar als Provokation empfunden. Verblüffung wechselte mit mildem Entsetzen und leichtem Ekel. In den letzten 40 Jahren ist ein umfangreiches und komplexes Werk entstanden, das in zahlreichen monographischen und thematischen Ausstellungen im In- und Ausland mit Erfolg gezeigt wurde.

Neben Dachlatten und Kaviarkörnern, die das Werk des Künstlers prägen, hat Herold immer wieder Ziegelsteine, Schnüre, Knöpfe und Nägel verwendet, aber auch Teesiebe, Handtaschen, Nylonstrumpfhosen, Teppiche usw. „Materialien, die eine eigene Sprache sprechen, werden von mir grundsätzlich nicht benutzt. Deshalb suche ich mir ungehobeltes, dummes Material, das keine Fragen aufwirft.“

Wie kaum ein anderer Künstler unserer Zeit hat Georg Herold die Kunst des 20. Jahrhunderts in ihren unterschiedlichen Ausformungen ironisch zitiert, desillusioniert oder ins Absurde verkehrt. Herold ist kein Maler, obwohl er Bilder macht, kein Bildhauer, obwohl er Skulpturen und Installationen schafft, kein Architekt, obwohl er baut. In ihm verkörpert sich die Negation des Künstlertums akademischer Tradition.

Das Konzept der Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Künstler entwickelt, wobei es nahe lag, die in der Sammlung Brandhorst vorhandenen Multiples und Skulpturen mit einzubeziehen. Neben jüngsten Werken zeigt die Ausstellung auch ältere Arbeiten, um inhaltliche und formale Zusammenhänge zu verdeutlichen. Einzelne Arbeiten waren in Räumen des Erdgeschosses zu sehen, wo sich die Veranschaulichung von Zusammenhängen und Widersprüchen mit Darstellungen anderer Künstler der Sammlung Brandhorst anbietet, d.h. mit Werken von Sigmar Polke, Joseph Beuys, Eric Fischl, Jannis Kounellis und anderen.

In der Sammlung Brandhorst befinden sich fünfzig Arbeiten des Künstlers, die das Museum mit ebenso viel weiteren figurativen und installativen Arbeiten bis 2. September präsentierte.

Georg Herold, 1947 in Jena geboren, wurde 1973 bei dem Versuch verhaftet, die DDR zu verlassen. Die BRD kaufte den zu Gefängnis Verurteilten frei. Nach kurzem Aufenthalt in München begann er, bei Sigmar Polke in Hamburg zu studieren, und freundete sich dort mit Werner Büttner, Martin Kippenberger, Albert Oehlen und anderen an. Seit 1999 lehrt er als Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Herold lebt und arbeitet in Köln.

Künstlergespräch mit Georg Herold am 10. Juli 2012
Der 1947 in Jena geborene Künstler Georg Herold begann in der DDR eine handwerkliche Ausbildung, fand aber bald schon zur Kunst. Bei einem Fluchtversuch verhaftet und von der BRD freigekauft, besuchte er im Westen die Kunstakademien in München und Hamburg. Seine erste Latte schraubte er als Schüler Polkes an die Atelierwand, ging aber alsbald ins Rheinland, wo er sich in der lebendigen Kunstszene schnell einen Namen machte. Herold verstand es, sich über die folgenden Jahrzehnte immer wieder neu zu erfinden und gerade die jüngeren Arbeiten, die derzeit im Museum Brandhorst zu sehen sind, belegen dieses andauernde Bestreben. Im Format „All about me“ diskutierte Georg Herold im Gespräch mit Armin Zweite, dem Direktor der Sammlung Brandhorst, über die gemeinsam entwickelte Ausstellungskonzeption sowie über die Arbeiten in der Ausstellung.

Begleitend zu der Ausstellung erscheint ein Katalog im Snoeck Verlag. Er enthält Essays von Rudi Fuchs, Friedrich Wolfram Heubach und Armin Zweite, ferner ausführliche Werkkommentare zu den Multiples der Sammlung Brandhorst. Alle ausgestellten Werke sind abgebildet, hinzu kommen bio- und bibliographische Angaben. Der Verkaufspreis im Buchhandel  beträgt 39,80 € .

„Latten, die glücklich machen: Niemand widersetzt sich künstlerischer Deutung so witzig wie Georg Herold."
Herold-Ausstellungen gehören zu den glücklichsten Momenten im Leben des kunstbetrieblichen Reisegewerbetreibenden. Es gibt sie nicht so häufig. Und wenn das schicke Münchner Museum Brandhorst "Herold" ruft, dann ist man natürlich gleich zur Stelle (...) Die schiefen Raumbühnen, auf denen er seine blamable Kunstware wie im Naturalienkabinett auslegt, das auftrumpfende Design, das noch die kümmerlichste Latte mit der gewissenhaften Zuneigung des Restaurators versieht, die freche Selbsteinpassung des Künstlers in die Meisterriege ringsum, das alles gibt seinem Auftritt einen ziemlich konkurrenzlosen Charme. (…)
Latte hoch. Man war in der Ausstellung des Jahres.“ 
WELT, 11.Mai 2012, Hans-Joachim Müller

 „ … Die Schau bietet einen erfrischenden Blick zurück auf die jungen wilden Rheinländer um die Gebrüder Oehlen und Martin Kippenberger, mit denen der Polke-Schüler Herold in den 70er-Jahren angetreten war, die Kunstwelt jenseits von Joseph Beuys und seinen Fettecken und Filzanzügen zu revolutionieren. (…). Provokant wirkt alles, besonders aber die Riesenformate mit Schlangenlinien aus Kaviar, den er mit Lack haltbar macht für die Ewigkeit.“
Welt am Sonntag, 6. Mai 2012, Barbara Reitter-Welter

 „Die Arbeiten von Herold in der ständigen Sammlung des Museums Brandhorst sorgen für Auflockerung und mitunter amüsante optische Gegenüberstellungen. Etwa im Saal mit den Bildern von Sigmar Polke, in dem dessen ehemaliger Schüler Herold eine spezielle Laokoon-Interpretation der frühen Jahre aufgebaut hat. Eine Gotteslästerung der besonderen Art, für alle, die die berühmte antike Laokoon-Gruppe aus den Vatikanischen Museen vor Augen haben. (…) „Empty Symbol“ aus dem Jahr 1984, ein seherischer Bildkommentar von Georg Herold, dem ehemaligen in den siebziger Jahren von Westen frei gekauften DDR-Republikflüchtling, macht in einem anderen Saal eine gute Figur neben der Arte Povera von Mario Merz. (...) Alles sehr geschickt inszeniert
Süddeutsche Zeitung, 23. April 2012, Christoph Wiedemann

„Radikal, ironisch, laut, aber auch sensibel und leise…“
„Herold nagelte ein Stück Dachlatte an die Wand und war überwältigt von der Wirkung. Er hatte sein Material gefunden: „Dummes Material“, wie er es nennt, das fähig sein muss, Herolds Ideen zu transportieren, und das keine Fragen aufwirft (…) Ziegelsteine und Alltagsgegenstände wie Draht, Nägel, Gummi. Herold spielt virtuos damit.“
Handelsblatt, Bettina Beckert (6. Juli 2012)

… dass es hier nicht um Innovation und Originalität geht, "sondern um Differenz und Widerspruch". So wird der Betrachter in den Sog eine Strudels aus Anarchie, Banalität, Ironie, Kapitalismuskritik und Polkerismus gezogen, der intensiv wirkt und auch noch Tage nach dem Ausstellungsbesuch allerlei Erinnerungen und Gedanken freisetzt.“
Kunstzeitung, Karlheinz Schmid (2. August 2012)

„Man muss dem Museum unter Direktor Armin Zweite vorab eine gehörige Portion Selbstironie attestieren. Denn nicht jede Sammlung hätte sich so unverfroren, aber süffisant lächelnd hinterfragen lassen und dabei die Wertsteigerungsmaschiene Museum zur Diskussion gestellt. Aber Herold umgeht gekonnt die allzu platte Konfrontation, einen schenkelklatschende Gaudi auf Kosten all der anderen ringsum.“
Artmagazine, Stephan Maier (8. August 2012)

 „… Eine runde, blaue Dose, Aufschrift: Kaviar, "Fischereiministerium UdSSR";. Mitten auf der Dose ein weißes Etikett "1,8 Kilo Nivea". Das ist der Humor des Künstlers Georg Herold. Das Museum Brandhorst in München eine Werkschau des Künstlers, er selbst mitgestaltet hat. Surrealismus, Fluxus, Punk und Dada all das ist „Multiple Choice“ (…) 
Die Herkunft seiner Kunst aus Dada, Surrealismus, Fluxus und Punk ist unverkennbar, und doch hat Herold etwas ganz Eigenes entwickelt, etwas Herzlich-Widerborstiges und gleichzeitig Ironisch-Distanziertes. Seine Objekte sind - von ihrer Struktur her - problemlos anschlussfähig an Beuys oder Warhol, wie die Münchner Präsentation zeigt.“
dradio.de, 24. April 2012, Kulturheute, Christian Gampert

 „Darf’s etwas Kaviar sein?“
Zur Not tun’s aber auch ein paar Holzlatten vom Bau – zwischen Witz und Ernst pendelt das Werk Georg Herolds“
„… Am Anfang war natürlich nicht der Kaviar, mit dem Herold sein Publikum immer noch irritiert – in größeren Mengen zieht das Luxusfutter nicht nur Schlieren, sondern ganze Bahnen auf mächtigen Leinwänden, Eilein für Eilein penibelst durchnummeriert. Los ging es deutlich preisgünstig mit Holzlatten aus dem Baumarkt. Hauptsache, der Rohstoff spricht keine eigene, und schon gar keine historische Sprache. (...) Herold montiert, collagiert, wirft zusammen, was fremdeln müsste und dann doch eine eloquente Unterhaltung führt: über Gott und die (Kunst-)Welt, durchzogen von einer ordentlichen Portion Witz und Ironie. …“
Abendzeitung, 21./22. April 2012 , Christa Sigg

 „… Der Künstler treibt mit ihnen sein Spiel zwischen wild gewordenem, von der Leinwand emanzipiertem Bildträger und dem „Knochenbau“ dynamischer Damen, deren „Haut“ aus Leinwand oder Alu besteht. Da hat sich das Bild mit allem Drum und Dran in eine Skulptur verwandelt. (…) Besonders schön dabei, dass sich viele „Herolde“ zwischen die angestammten Werke etwa von Sigmar Polke, Joseph Beuys, Eric Fischl und Andy Warhol geschmuggelt haben. …“
Münchner Merkur, 19. April 2012, Simone Dattenberger

„„Nein, es muss nicht immer Kaviar sein – aber schon oft. (…) Mit Schnelllack fixiert und konserviert ziehen sich die schwarzen Kügelchen in Schlieren über riesige Leinwände. (…) Nicht nur, aber auch als ironische Reverenz an seinen Kollegen Roman Opalka, den großen Zahlenschreiber, hat Herold jedes einzelne Stör-Ei wie ein Buchhalter nummeriert und die entsprechende Ziffer daneben mit dünnem Pinsel auf die Leinwand geschrieben. Wenn man schon nicht weiß wie viele Sternlein stehen („Gott allein hat sie gezählet“), will man doch wenigstens wissen, wie viel Kaviar auf der Leinwand pappt …“
Bayerische Staatszeitung, Alexander Altmann (3. August 2012)

 „ … . Herolds Kunst kann wie ein ironischer Kommentar zur Kunst des 20. Jahrhunderts gelesen werden, er stellt erstmal und grundsätzlich alles in Frage. Vor allem das Heiligernste in der Kunst ist ihm suspekt, also untergräbt er das Pathos mit der Respektlosigkeit seines Humors und schaut, was passiert. Seine Arbeiten sind ästhetische Versuchsanordnungen: „Ich habe mich für das Beobachten entschieden, ziehe meine Erfahrungen und Anschauungen mehr aus dem Befragen der Phänomene, als durch Fragestellungen an andere.“ Wenn er auf seinen Bildern säuberlich pedantisch die unzähligen Kaviarkörnchen durchnummeriert, dann ist das autonom-absurd – und ziemlich lustig. Er provoziert, lässt Erwartungen ins Leere laufen, fordert zum Neu- und Umdenken auf, nicht sich selbst nicht ernst. …“
IN München, 19. April 2012, Barbara Teichelmann

„Hemmungslos zitiert der deutsche Künstler Georg Herold (…) die Kunst des 20.Jahrhunderts, nicht um sich über Sie lustig zu machen, auch wenn ihm fast nichts ernst ist, sondern um kritisch zu hinterfragen, ob und wie Kunst heutzutage noch funktionieren kann und an wen sie sich überhaupt wendet. (…) Wer sich auf diese gelegentlich sperrigen Kunstwerke einlässt, erkennt meist sofort die Ironie, den Sarkasmus und den subtilen Witz, die in fast allen seinen Arbeiten stecken …“
Und – Das Münchner Kunstjournal, Karl H. Prestele (Mai/Juni/Juli 2012)